Prinz Eduard von Anhalt

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    nsere schnelllebige Zeit wird immer häufiger von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt.
    Auf der anderen Seite besteht genauso oft der Wunsch vieler Bürger nach mehr geschichtlichen Bewusstsein ihrer Politiker.
    Eine Ausnahme bilden da die konstitutionellen Monarchien in Europa und Asien.

Parlamentarische Demokratie und Monarchie ergänzen sich dabei, auch wenn beides selbstverständlich stets im Wandel war und immer ist. Ich erinnere mich noch gut an die Sechziger und Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Schweden und nicht die kommunistischen Länder Osteuropas, als das sozialste, ja sozialistischstes Land der Welt bezeichnet wurde, gleichzeitig aber ein König als höchsten Repräsentanten des Landes hatte. Die zehn Dynastien der sogenannten ‚konstitutionellen‘ europäischen Dynastien sorgen innerhalb ihres Landes für Zusammenhalt und Identität, auch wenn dieses politisch noch so vielschichtig ausgerichtet sein mag: sich von einer Königin oder König glanzvoll repräsentieren zu lassen verbindet, auch rein rechnerisch. Die für das Volk teurere Monarchie, schneidet im Preis -/ Leistungsverhältnis wesentlich besser ab. Eine Präsidialdemokratie, die es ja auch nicht umsonst gibt, zieht vor allem bei Investoren und beim Tourismus wesentlich mehr. Königsfamilien zählen heute – schlicht gesagt – zu den erfolgreichsten PR-Agenturen der Welt. Über 80 Prozent der in Deutschland erscheinenden Gesellschaftsmagazine habe jede Woche einen Royal auf ihrem Cover.

Dass die europäischen Dynastien trotz ihres Glanzes und der kontinuierlichen Historie modern sein können, macht sie umso interessanter. Ein Blick kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt: 47 Länder Europas standen bis Ende des Ersten Weltkriegs (außer der Schweiz) alle unter der Herrschaft eines eigenen Monarchen. Davon sind heute 10 Nationen übriggeblieben, und alle haben ein vom Volk gewähltes Parlament als zentrale Macht: Belgien, Dänemark, Liechtenstein, Luxemburg, Monaco, die Niederlande, Norwegen, Schweden, das Vereinigte Königreich und Spanien. In diese zehn Staaten lassen sich die Bürger von ihren historischen Dynastien vertreten und gleichzeitig leben sie in äußerst gefestigten Demokratien. Die Kombination mit ihrer unübersehbaren, allgegenwärtigen Geschichte, hat sich gegen den oft auswuchernden Zeitgeist bewährt und das saturierte, ignorante Verhalten gewisser Anteile der Bevölkerung abgemildert. Wie bereits erwähnt, sind die Monarchien wichtige Anreize für den einträglichen Tourismus, auch in Ländern, in denen die Monarchie abgeschafft wurde. Was wären unsere Städte ohne die baulichen Hinterlassenschaften und die Schlösser auf dem Lande aus der Zeit der Monarchien. Die Menschen zieht es aus den seelenlosen Cities und Vororten in die anheimelnde Atmosphäre der Altstadt zum Rundgang durch historische Schlossgärten und Parks. An Wochenenden gehen in Deutschland mehr Menschen zu einer Schlossbesichtigung als Fußballfans in die Stadien.
Schauen wir uns einen Teil der europäischen Dynastien doch einmal genauer an:

Großbritannien
Unter den europäischen Monarchien ist die britische, schon wegen der Sprache, die sie in die Welt getragen hat, die wohl bedeutendste. Selbst eingefleischten Demokraten fällt in England keine brauchbare Alternative an der Spitze des Staates, zu ihrer altbewährten Königin Elisabeth II, ein. Die Mitglieder des Hauses Windsor, wie der Familienname lautet, den sie sich im Ersten Weltkrieg zugelegt hatten, um ihren Ursprung aus Deutschland abzulegen, verstehen sich heute als Public-Relations-Unternehmen und sind wie keine andere Familie so präsent in den heimischen und internationalen Medien. Skeptiker haben einmal nachgerechnet, was heute eine Königsfamilie, die den Staat zig Millionen jährlich kostet, seiner Wirtschaft und dem Tourismus an Investitionen wirklich bringt. Das Ergebnis des Vergleichs von Preis und Leistung fiel klar zugunsten der teuren Monarchien aus. Das gleiche Bild zeigt sich den anderen europäischen Staaten. Die Monarchien leben von der Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung, und die geht durch alle Generationen.
Könnten Sie sich die grauen britischen Inseln ohne die Farbenpracht der Windsors vorstellen?“ fragte mich einst ein junger Banker in der City von London und schüttelte sich bei dem Gedanken: „Eine grauenhafte Vorstellung!“

Elisabeth II. gilt als außerordentlich pflichtbewusst sowie diskret und diese Eigenschaften erwartet sie auch vom Rest der Windsors. Das britische Königshaus hat bislang alle Skandale überstanden. Dabei wird es moderner, denn sowohl William als auch Harry haben bürgerliche Frauen geheiratet. In der Generation ihres Vaters war das noch undenkbar. Und es gab einige Reformen; geändert hat sich zum Beispiel die Thronfolge. Jetzt dürfen auch Frauen den Thron besteigen. Das älteste Kind, ganz gleich, ob Mädchen oder Junge, wird Königin oder König. Auch die Regel, dass die Ehepartner und Ehepartnerinnen der Windsors zwingend anglikanisch sein müssen, gilt nicht mehr.

Dass das Interesse an der englischen Königsfamilie nach wie vor riesig ist, zeigt sich nicht nur an den Berichten in zahllosen Illustrierten: Auch die Fernsehserie „The Crown“ zog vor wenigen Jahren hunderte Millionen Zuschauer weltweit in ihren Bann und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Niederlande
Seit 1814 sind die Niederlande eine konstitutionelle Monarchie. Das bedeutet, dass die Stellung des Königs in einer »Konstitution«, einer Verfassung, festgeschrieben ist. Der König bildet zusammen mit den Ministern die Regierung. In einer parlamentarischen Monarchie untersteht das Staatsoberhaupt der Ministerverantwortlichkeit. Laut Verfassung ist der König Vorsitzender des Staatsrats. Allerdings handelt es sich dabei um ein symbolisches Amt. Die Führung der Dienstgeschäfte obliegt dem Vizepräsidenten. Das niederländische Königshaus Oranien-Nassau geht auf Wilhelm von Oranien (1533-1584) zurück. Der auch „der Schweiger“ genannte Adelige war der wichtigste Führer im Unabhängigkeitskrieg gegen den spanischen König. Er hatte von seinem Onkel René de Chalon 1544 das Fürstentum Orange in Südfrankreich geerbt und damit den bis heute gebräuchlichen Titel Prinz von Oranien für den ältesten Königssohn. Der nach der Burg Nassau in Hessen benannte andere Teil der Dynastie hat Wurzeln, die bis zu Walram von Laurenburg im 12. Jahrhundert zurückreichen. Die Verbindung zu niederländischem Gebiet entstand im Jahr 1403. Engelbert I., Graf von Nassau, Dietz und Vianden heiratete damals die wohlhabende Niederländerin Johanna von Polanen, Erbtochter von Breda im Herzogtum Brabant. Nach 120 Jahren, in denen die Niederlande ausschließlich von Königinnen regiert wurden, ist seit 2013 wieder ein Mann an der Reihe: König Willem-Alexander Staatsoberhaupt des Königreichs der Niederlande. Auch er hat eine Bürgerliche geheiratet, die Argentinierin Maxima und wird wegen seiner Vorliebe zu Bier von seinen Bürgern liebevoll „Konig Pilsche“ genannt.

Schweden
Das schwedische Königtum gehört zu den ältesten Monarchien der Welt und hat gleichzeitig die neueste Dynastie aller Königshäuser, das Haus Bernadotte. Jean Bernadotte war Marschall der Armee Napoleons und wurde 1810 vom kinderlosen König Karl XIII. adoptiert und 1818 als Karl XIV. zum König von Schweden und Karl III. von Norwegen gekrönt. Die Bernadottes führten 1980 als erste Monarchie, die geschlechtsneutrale Thronfolge ein.

Schwedens König Carl Gustaf war einer der ersten Monarchen, der mit Unterstützung des Parlaments eine Bürgerliche geheiratet konnte, die er bei den Olympischen Spielen 1972 in München kennengelernt hatte: Sylvia Sommerlath, eine Ehefrau von deutsch-brasilianischer Herkunft. Wie bei allen heutigen Königsfamilien ist die Thronfolge in der Verfassung verankert und kann nicht durch den König verändert werden. Klar ist demnach, dass König Carl Gustaf mit Tochter Victoria und Enkelin Prinzessin Estelle zwei Nachfolgerinnen hat. Wie auch die englische Königin Elisabeth so hat König Carl Gustav entschieden, dass nur noch eine begrenzte Anzahl der schwedischen Königsfamilie, offiziell das Königshaus vertreten soll. Der Nachwuchs von Prinz Carl Philip und seiner Schwester Prinzessin Madeleine verlieren ihren offiziellen Hoheitsstatus. Sie sind damit nicht mehr Mitglied des Königshauses – bleiben aber Teil der Königsfamilie. Das betrifft die beiden Söhne Gabriel und Alexander von Carl Philip sowie Madeleines Kinder Leonore, Nicolas und Adrienne. Sie behalten auch ihre Titel als Herzöge und Herzoginnen. Die Geschwister Carl Philip und Madeleine begrüßten die Entscheidung und finden es gut, dass deren Kinder in Zukunft eine größere Chance haben, ihr eigenes Leben als Individuum zu gestalten.

Dänemark
In der dänischen Monarchie zeigt sich, dass der europäische Gedanke dort bereits seit Jahrhunderten Bestand hat. Christian IX., geboren 1818, trug den Beinamen „Schwiegervater Europas“. Durch seine Heiratspolitik gewann das dänische Königshaus an Einfluss in fast allen regierenden Häusern Europas: Seine Tochter Alexandra war mit dem britischen König Eduard VII. verheiratet, sein Sohn Georg I. Wilhelm war König von Griechenland und Maria Dagmar, das vierte seiner sechs Kinder, ehelichte Zar Alexander III. von Russland. Prinzessin Thyra war mit Ernst August, Kronprinz von Hannover, verheiratet und sein jüngstes Kind, Prinz Waldemar, heiratete die französische Prinzessin Marie von Bourbon-Orleans.

Anfang des 20. Jahrhunderts macht das Land unter der Regentschaft von Frederik IX. einen bemerkenswerten Wandel durch: Dänemark entwickelt sich vom Agrarstaat zum sozialen Wohlfahrtsstaat. Die Königsfamilie legte Wert darauf, sich als ganz normale dänische Familie darzustellen. Weil Frederik und seine Frau Ingrid keinen Sohn hatten, änderte das Parlament die Thronfolge-Regelung, sodass Frederiks Tochter, die heutige Königin Margrethe, den Thron besteigen konnte. Eine Frau auf dem Thron – das war in Dänemark etwas Besonderes. Mehr als 500 Jahre hatten männliche Herrscher das Land regiert. Margrethe ist beliebt, volksnah und gebildet, und ihre Landsleute mögen sie vor allem dafür, dass sie sich gibt wie eine von ihnen. Mittlerweile blickt sie auf mehr als vier Jahrzehnte Regentschaft zurück – und das ohne Skandale. Sie lebt ihre künstlerische Ader aus, unter dem Pseudonym Ingahild Grathmer illustriert sie 1977 das Cover der dänischen Ausgabe von Tolkiens Bestseller „Herr der Ringe“. Auch zahlreiche dänische Sonderbriefmarken kreiert die Königin. Zusammen mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann übersetzte sie verschiedene Romane. Zudem entwirft sie Kirchengewänder, Theaterkostüme und auch Bühnenbilder. Auch ihre außergewöhnlichen Outfits gestaltet die Monarchin oft mit – das kann dann auch schon mal eine knallbunte Regenjacke aus einer Wachsdecke sein.

Monaco
Wer denkt bei Monaco nicht gleich an High Society und an die Fürstenfamilie? Besonders in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit geriet das Fürstentum seit den 1950er Jahren durch die Heirat von Fürst Rainier mit Grace Kelly, einer damaligen Hollywood-Schauspielerin. Vor allem sie brachte Glamour an die Cote d ´Azur. Seit vielen Jahren ist ihr einziger Sohn Fürst Albert der regierende Souverän von Monaco. Er ist das offizielle Staatsoberhaupt und verfügt über legislative, exekutive und judikative Macht. Albert mag vielleicht mehr Verantwortung als der durchschnittliche Monarch haben, gilt aber außerdem als Spross der Piratendynastie der Grimaldi, die einst im Mittelalter die steilen Felsen an der französischen Mittelmeerküste im Handstreich übernommen hatte. Er ist ein souveräner Fürst (Prince) und wird mit Durchlaucht (Serene Highness) angeredet, trägt also nicht den Titel eines Königs. Sein Vater war Fürst Rainier und seine Mutter, Grace Kelly, damit eine Fürstin. Die Gründe dafür reichen tief in die Geschichte Monacos zurück. Monaco war schon immer eine winzige Nation, und zum Schutz verbündete es sich mit großen mächtigen Ländern, vor allem Frankreich. Sollte es keine Nachkommen mehr geben, fällt das Fürstentum an Frankreich. Obwohl die Monarchie in Monaco und die Dynastie der Grimaldi länger besteht als viele anderen in Europa: Zu politischer Bedeutung kam ihr Minifürstentum erst als Finanzplatz nach dem 2. Weltkrieg. Heute wird Albert im Volksmund auch der „grüne Fürst“ genannt, denn er sorgte mit seinem Amtsantritt 2005 für frischen Wind im Fürstentum – dank seines Engagements stieg die monegassische Regierung auf Hybrid-und Elektroautos als Dienstwagen um. Auch das ist ungewöhnlich: Neben seiner Begeisterung für die Umwelt ist es vor allem der Sport, der den Menschen Albert über Jahre hinweg prägte. Insgesamt 14 Sportarten hat er bereits ausprobiert, von Rudern über Fechten bis hin zum Judo. Das Bobfahren hat es ihm dabei am meisten angetan – in dieser Disziplin trat er bereits vier Mal bei Olympischen Winterspielen an.

Mit diesem Ausflug durch einen Teil von Europas Dynastien wollte ich zeigen, wie vielschichtig, wandelbar und somit modern die parlamentarische Monarchie als Gesellschaftsform tatsächlich ist – trotz (oder wegen) ihrer Aufgabe, jahrhundertealte Historie im Gedächtnis der Menschen zu bewahren, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und gewachsene Tradition zu pflegen. Die aufgeführten und alle anderen europäischen Monarchien sind absolut zeitgemäß und beweisen nur allzu gut, dass Zukunft Vergangenheit braucht.

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