Martin Ramm:
Viele Unternehmer und Manager halten sich mit Kampfsport, z.B. Boxen, Kick-Boxen und Co. fit. Sie lehren die Kampfkunst. Was ist der Unterschied zwischen der Kunst und dem sportlichen Aspekt des Kämpfens und inwiefern führt die Kampfkunst zum geschäftlichen Erfolg?
Attilio Reale:
Zunächst einmal ist es sehr gut, dass sich Geschäftsleute nicht ausschließlich am Schreibtisch und in ihrem Denken aufhalten, sondern sich auch mit ihrer Physis beschäftigen. Wir wissen alle, dass sich Gedanken und Konzepte verkörpern müssen, wenn wir Produkte und Dienstleistungen kreieren und erfolgreich vermarkten wollen. Konzeptentwurf, Zukunftspläne und Rückbetrachtungen sind bewährte Managementtechniken, führen ohne Umsetzung jedoch nicht zum Ziel. Erfolgreiches Umsetzen erfordert Handlungsfähigkeit. Der Unterschied zum Kampfsport liegt insbesondere in den Schritten zur Meisterschaft. Im ersten Schritt geht es um die Selbstverteidigung vor körperlich überlegenen Gegnern ohne die Sicherheit durch Regeln. Kampfsituationen sind real und finden unmittelbar statt. Es geht darum, intuitiv das Richtige zu tun. Die Meisterschaft in der Kampfkunst ist es, nicht kämpfen zu müssen. Erkennbar ist dies, wenn Herausforderungen mit Leichtigkeit zu lösen sind.
Martin Ramm:
Sie sprechen von Auseinandersetzungen ohne Regeln. Gibt es nicht international gültige Vereinbarungen, Gesetze und Normen, die das Wirtschaften in Bahnen lenkt?
Attilio Reale:
Auch in der Geschäftswelt gibt es zumindest keine allgemeingültigen Vereinbarungen zur lupenreinen Fairness. Wenn Sie ein neues lukratives Geschäftsfeld erschließen, geht es sehr schnell bis Sie in Resonanz mit Wettbewerbern, die mindestens in Ihrer Liga spielen, kommen. Ihre Ideen werden kopiert-, vielleicht gar weiterentwickelt und verbessert, Ihre besten Mitarbeiter, Lieferanten und Vertriebskanäle umworben. Sie wissen nicht wann und wie das passiert, es ist einen Kampf ohne Regeln und ohne Drehbuch.
Martin Ramm:
Sind die Konflikte von Tarifparteien aus der Sicht der Kampfkunst ein Gegenbeispiel zu einer „Meisterschaft in der Geschäftswelt“? Jährlich können wir erleben, wie ein mit hohen Einsätzen gefochtener Kampf zu großflächigen ökonomischen Schäden führt, z.B. ein Tarifstreit bei der Deutschen Bahn, der den Bahnkunden, dem Unternehmen und unserer Volkswirtschaft insgesamt schadet.
Attilio Reale:
Das kann man so sehen. Dies klingt weniger nach Meisterschaft, sondern eher nach gleichzeitigem K.O. auf allen Seiten! In der Kampfkunst gibt es so etwas nicht. Beim Siegen geht es nicht darum, einen „Schaden“ anzurichten, sondern um angemessene Selbstbehauptung, Wir alle tragen die Eigenverantwortung für unser Denken und Handeln. Wir wollen die Situation respektvoll und zum Nutzen aller lösen – am besten im Einvernehmen und ohne kämpferische Auseinandersetzung, also mit „fair play“. Dauerhafter Frieden entsteht nie, wenn einer Partei nachhaltig geschadet wird. Die Wahrung von Frieden und Harmonie würde auch im
Geschäftsleben zu mehr Erfolg führen.
Martin Ramm:
Mich interessiert insbesondere die Meisterschaft. Was sind die Schritte, die zur Meisterschaft führen und in welchen konkreten Situationen im Geschäftsleben kann ich diese Schritte anwenden?
Attilio Reale:
Aus dem Stegreif die Kampfkunst in Perfektion zu beherrschen, funktioniert nicht. Eine Ursache hierfür ist, dass wir in als bedrohlich empfundenen Situationen, automatisch körperlich und mental „programmierte“ Reaktionsmuster aktivieren, die unsere Handlungsfähigkeit beeinträchtigen. Wir wissen von den sich aufbauschenden Wirkungen von Stress. Hohe Anspannung reduziert unsere Möglichkeiten, besonnen und klug zu handeln, dieses wiederum erzeugt weiteres Stressempfinden. Das nennen wir dann „burn out“.
Unsere Selbstbeherrschung ist hier der Schlüssel. Körperlich und mental. Kann ich jederzeit gelassen und besonnen bleiben? Fühle ich mich bedroht, oder kann ich die Situation als eine spannende Herausforderung annehmen? Handlungs- und Führungsvermögen basieren auf der Fähigkeit nicht in Stress zu geraten, emotional neutral zu bleiben und die eigene Mitte (wieder) zu finden.
Seien Sie Ihr eigener Beobachter. Spüren Sie, wie ihr Körper reagiert, welche Gedanken und Gefühle in Ihnen aufsteigen. Üben Sie, sich in angespannten Momenten zu beruhigen, Atmen Sie in Ihr Herz und nutzen Sie die Kraft positiver Affirmationen. Beherrschen Sie Ihre Gedanken. Jeder von uns kennt Beispiele, in denen unsere Gedanken bei anderen Menschen etwas bewirkt haben. Warum ist das so? Gedanken sind auch Vorstellungen von dem, was passieren könnte. Durch meine Gedankenkraft gestalte ich aktiv mit, was morgen passiert. Ignorieren Sie daher das Negative und verstärken das Positive. Ein Prinzip der Kampfkunst ist das Zusammenspiel von Beweglichkeit, Flexibilität und innerer Festigkeit. In der Kampfkunst sprechen wir von einem guten Stand. Nur wenn wir beweglich sind und dennoch fest „stehen können“ haben wir ein Fundament für wirkungsvolles Handeln. Wenn Sie in Verhandlungen aus innerer Überzeugung Ihren Standpunkt vertreten und gleichzeitig auch überzeugende Gegenpositionen ad hoc in Ihren Standpunkt integrieren können, werden Sie großen Erfolg haben.
Martin Ramm:
Herr Reale, vielen Dank für den Austausch